Ein ehrlicher Bericht über KI als Investmentwerkzeug · von Florian Völkel
Wie ich mit Claude ein Aktienportfolio gebaut habe.
Kein Hype-Artikel. Kein „KI macht dich reich“. Ein Erfahrungsbericht mit Grenzen.
Ich nutze Claude seit mehreren Monaten als Teil meines Investmentprozesses. Nicht als Orakel, nicht als automatisierten Berater — als Denkpartner, der schneller rechnet als ich und keine emotionalen Bindungen an Positionen hat.
Dieser Artikel zeigt, wie das konkret aussieht. Was ich frage, was ich bekomme, wo die Grenzen sind — und was ich daraus für meine eigenen Entscheidungen mache.
Warum KI überhaupt?
Ich habe einen Hintergrund in Wirtschaftsinformatik. Ich bin kein Analyst. Ich habe keinen Bloomberg-Terminal-Zugang und kein Research-Team.
Was ich habe: Zeit, die ich bereit bin in Recherche zu investieren — und die Fähigkeit, gute Fragen zu stellen.
Claude ist gut darin, große Mengen an öffentlich verfügbaren Informationen zu strukturieren, Zusammenhänge herzustellen und Thesen zu hinterfragen. Das ist genau das, was ich für meinen Investmentprozess brauche.
⚠️ Grenze: Claude kann nicht die Zukunft vorhersagen, aktuelle Kursdaten liefern, Garantien geben oder mein Urteilsvermögen ersetzen.
Der konkrete Prozess
Ich zeige das an einem echten Beispiel aus meinem Prozess. Nicht welche Aktie ich gekauft habe — sondern wie der Denkprozess läuft.
1
Sektor-These formulieren
Ich fange nicht mit einer Aktie an. Ich fange mit einer These über einen Sektor oder ein Makrothema an.
Beispiel: „Ich glaube, dass die Energiewende mehr Investitionen in Strominfrastruktur erfordert als der Markt derzeit einpreist.“
Diese These stelle ich Claude vor und frage: Was spricht dafür? Was spricht dagegen? Was übersehe ich möglicherweise? Das Ergebnis ist kein Urteil — sondern eine Liste von Gegenargumenten, die ich selbst vielleicht nicht sofort gesehen hätte. KI ist exzellent darin, Gegenthesen zu strukturieren.
2
Unternehmen screenen
Wenn die These steht, frage ich nach Unternehmen, die strukturell von ihr profitieren würden. Nicht „welche Aktie soll ich kaufen“ — sondern „welche Unternehmenstypen sind in diesem Thema exponiert und warum?“
Claude gibt mir keine Kursziele und keine Kaufempfehlungen. Es gibt mir Kategorien, Geschäftsmodell-Beschreibungen und Hinweise auf Risiken, die ich dann selbst weiterrecherchiere.
3
Jahresberichte zusammenfassen lassen
Das ist, wo KI am meisten Zeit spart. Ein 200-seitiger Jahresbericht enthält 20 Seiten, die wirklich relevant sind. Ich lade Abschnitte hoch und frage: Was sind die drei größten Risiken, die das Management selbst nennt? Wie hat sich die Marktposition in den letzten drei Jahren entwickelt? Was sagt das Management über Kapitalallokation?
Das ist keine magische Analyse — das ist strukturiertes Lesen, das ich vorher selbst gemacht habe, nur langsamer.
4
Die eigene These hinterfragen
Bevor ich kaufe, beschreibe ich meine Investitionsthese in einem Absatz und frage Claude: Was sind die drei plausibelsten Wege, auf denen diese These falsch ist?
Das ist der wertvollste Schritt. Nicht weil KI immer recht hat — sondern weil die Antwort mich zwingt, nochmal ehrlich hinzuschauen.
Was ich dabei gelernt habe
KI macht dich nicht zum besseren Investor. Sie macht dich zu einem strukturierteren Denker. Der Unterschied klingt klein und ist groß. Strukturiertes Denken unter emotionalem Druck — wenn die Position 15 % im Minus ist und du entscheiden musst, ob du hältst oder verkaufst — das ist, was langfristig zählt.
Das Gefährliche an KI-Investmenttools ist nicht, dass sie falsch liegen — es ist, dass sie überzeugend klingen. Eine gut formulierte Analyse, die falsch ist, ist gefährlicher als eine schlecht formulierte, die falsch ist. Das Urteilsvermögen muss beim Menschen bleiben.
Die besten Fragen sind die, die du dir selbst noch nicht gestellt hast. „Was übersehe ich?“ ist meine meistgenutzte Frage. Nicht weil KI die Antwort weiß — sondern weil die Antwort mich dazu bringt, nochmal neu hinzuschauen.
Was ich nicht tue — und warum du es auch nicht solltest
Ich frage Claude nicht „Soll ich X kaufen oder verkaufen?“
Nicht weil Claude keine Antwort gäbe. Sondern weil die Antwort keine Verantwortung trägt. Ich trage die Konsequenzen meiner Entscheidungen. Also treffe ich sie selbst — informierter, strukturierter, aber selbst.
KI als Investmentwerkzeug funktioniert, wenn du es als Denkpartner behandelst. Es schlägt fehl, wenn du es als Orakel behandelst.
Drei Fragen, die ich dir mitgebe
Wenn du anfangen willst, KI als Teil deines Investmentprozesses zu nutzen, starte mit diesen drei Fragen:
1. „Ich denke über [Sektor/These] nach. Was sind die drei stärksten Gegenargumente?“
2. „Ich habe [Unternehmen] als potenzielle Position. Was sind die Risiken, die ein kritischer Analyst als erste nennen würde?“
3. „Meine Investitionsthese lautet: [These]. Auf welche drei Wege könnte ich falsch liegen?“
Das sind keine Kaufempfehlungen — das sind Denkübungen, die dich zu einem ehrlicheren Investor machen.
Und zum Schluss: Was das mit Beratung zu tun hat
Ich zeige meinen Investmentprozess nicht, um dich zu beeindrucken. Ich zeige ihn, weil Transparenz das einzige Fundament für Vertrauen ist, das ich kenne.
Nächste Schritte
→ Kostenloses Erstgespräch: Wer sehen will, wie ich über Portfolios nachdenke — mein eigenes und die meiner Kunden — findet hier den direktesten Weg dahin.
Alle in diesem Artikel beschriebenen Prozesse sind persönliche Praktiken des Autors und stellen keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. KI-Tools ersetzen keine professionelle Beratung. Florian Völkel ist lizenzierter Finanzberater (§ 34c, d GewO) bei MLP Finanzberatung SE in Nürnberg. Vergütung erfolgt provisionsbasiert.
